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  • Laura Deichl

Yule, Jul, Modraneht

Aktualisiert: 20. Dez. 2023

Yule, Jul, Mittwinter, die Wintersonnwende, die Mutternacht. Das Fest der Neubefruchtung der Erde, die Wiedergeburt des Lichts, im Schoß der Erde, der Göttin. Zeitqualität, Wurzeln, alte Bräuche und Rituale zum alten Weihnachtsfest.




Yule, Jul, Mittwinter, die Wintersonnwende, die Mutternacht. Das Fest der Neubefruchtung der Erde, die Wiedergeburt des Lichts, im Schoß der Erde, der Göttin. Die Wurzeln unseres heutigen Weihnachtsfestes reichen tief in unsere alten europäischen Kulturen zurück. Seit Tausenden von Jahren wird die Wintersonnwende von unseren Vorfahren gefeiert. Was wir heute als Weihnachten feiern, hat der großartige Christian Rätsch im Buch Heidnische Weihnachten in einer finde ich wunderbaren Formulierung als "globaler Synkretismus" bezeichnet, in dem Gepflogenheiten, Bräuche und Rituale, Tannenbäume, Misteln, exotische Gewürze, Mandarinen, Lebkuchenhäuser und orientalisches Räucherwerk aus allen Kulturen und allen Zeiten, dem Orient und Okzident, dem Norden und Süden, den heidnischen, christlichen, antiken, orientalischen Sphären zu dem wohl "größte[n] synkretistische[n] Ritual des modernen Europas" zusammenkommen (Müller-Ebeling, C. & Rätsch, 2021; siehe unten). Und jeder findet dabei seinen eigenen Sinn darin. Ein Beitrag über die Wurzeln, Bräuche und Rituale des alten Festes zur Wintersonnwende.



Wiedergeburt des Lichts


Die Wintersonnwende (21.12. bzw. 22.12.) markiert den kürzesten Tag und die längste Nacht der Jahres. Sie steht im Jahreskreis der Sommersonnwende (21.06.) gegenüber und ist eines der 4 alten Sonnenfeste. Es ist die dunkelste aller Nächte und genau in dieser Dunkelheit wird das neue Licht geboren.


Die Wintersonnwende wird in unseren alten europäischen Kulturen seit Tausenden von Jahren als Lichtfest, als Wiedergeburt des Lichts zelebriert. Es ist die Neugeburt der Zeit, eine Erneuerung des Kosmos. Nach der Mythologie wird der Sonnengott, der zur Sommersonnwende sterben musste, im Schoß der dunklen Erde wiedergeboren. Die Jahresnacht wurde deshalb bei den Germanen auch die modraneht, die Mutternacht genannt. So wie sich ein Kind aus der Dunkelheit des Mutterleibes gebiert, gebiert sich auch das neue Jahr, der neue Zyklus, aus der Dunkelheit. Alles Lebendige kommt und kam immer aus der Dunkelheit, das ist Gesetz des Lebens. Es ist die Dunkelheit, der schwarze, fruchtbare Boden, aus dem sich das Licht gebiert. Eine Erneuerung des Lebens und die Erwartung der zurückkehrenden Lebenskraft, die sich mit dem fortan zunehmenden Licht wieder ankündigt. So wie der Sonnengott aus dem Schoß der großen Göttin wiedergeboren wird, ist es kein Zufall, dass mit der Ankunft des Christentums das christliche Weihnachten auf die Zeit der alten Feierlichkeiten des Julfests gelegt wurden - denn auch hier sprechen wir von der Geburt des Sonnenkindes, des solaren Heros.





Kosmischer Impuls


Es ist also ein neuer, kosmischer Impuls, der zur Wintersonnwende hereinkommt und die Erde neu befruchtet. Das spiegelt sich in der Konstruktion vieler alter Heiligtümer, unter anderem den Gangräber wie New Grange in Irland (die in ihrem Ursprung wohl vielmehr Ahnenhäuser als Gräber sind). Diese sind (bereits 3000 vor Chr.!) exakt so angelegt worden, dass nur zur Wintersonnwende ein Strahl der aufgehenden Sonne durch einen schmalen Spalt bis nach hinten durch den langen Gang an die Rückwand auf eine gemeißelte Triskele fallen kann, sozusagen in den Urmutterleib der Großen Göttin. Eine physische Nachvollziehung, Bekräftigung und Ehrung Neubefruchtung der Erde durch die Sonne, ein geistiger Impuls, wobei das Licht als Kanal, als Brücke dient. An diesen Orten sind Wiedergeburt, Fruchtbarkeit und Ahnen aufs engste verknüpft.





Grüne Zweige, Gans, Plätzchen & Bier


Zu den alten Bräuchen und Ritualen des Mittwinters gehört natürlich viel, was wir vom heutigen Weihnachtsfest kennen, seine Wurzeln aber schon sehr viel früher hat. Zu Jul oder Yule wurden natürlich die immergrünen Zweige als Symbol für die Lebenskraft und das immerwährende, sich erneuernde Leben in die Häuser geholt. Noch heute bindet man Kränze daraus, was aber ebenso schon vor Urzeiten die Symbolik dieses immerwährenden Zyklus aus Leben, Tod und Wiedergeburt hatte. Im germanischen Raum waren das vor allem die von Fichte, Tanne oder Kiefer, im britisch-keltischen Raum die Mistel, Stechpalme und der Efeu.


Der Weihnachtsbaum hat tatsächlich ursprünglich keinerlei Bezug zum Christentum oder zur Bibel. Das Schlagen von Maien und deren Hineinholen ins Haus wurde ironscherweise von der Kirche anfangs sogar als Götzenverehrung unter Strafe verboten. So war der grüne Baum ursprünglich Symbol für den Weltenbaum, die Weltenachse (axis mundi), die Verbindung zwischen der oberen, mittleren und unteren Welt, und Lebensbaum. Diesen holte man sich ins eigene Haus und schmückte ihn mit Lichtern und Äpfeln (später Kugeln), symbolisch für die Planeten und Sterne, die Äpfel ebenso für die Fruchtbarkeit.


Man hat Plätzchen in Form von Mond, Sonne, Sternen oder Tieren gebacken, deren Kräfte man in sich aufnehmen wollte. Weiterhin war das Brauen von Bier alter Bestandteil des Festes, dem als Weihnachtsbier (Julbier) damals durchaus berauschende Pflanzen wie Bilsenkraut, Hanf oder Wermut beigesetzt wurden. So gibt es in Schweden bis heute noch Julöl (natürlich ohne weiteren psychoaktiven Zusätze). Sowohl das Backen als auch das Brauen sind alchemistische Vorgänge, die die Transformation und Wandlungskraft in sich trugen. Und natürlich wurden Opfergaben wurden erbracht, um für das vergangene Jahr zu danken. Zu den alten Bräuchen des Mittwinters gehört hier vor allem die geopferte Gans, als Sonnenkraftsymbol, gewürzt mit Beifuß.








Räucherwerk


Auch das Räuchern ist eng mit dem Mittwinter verbunden. Zur Wintersonnwende sind es besonders Fichtenharz, Wacholder, Beifuß und Mariengras, die verräuchert werden (mehr zu den vier Pflanzen hier). Aber auch andere Pflanzen welche die Sonnensignatur tragen und Licht in unser Herz bringen, wie Alant oder Johanniskraut, aber auch reinigende, segnende wie Fichtenharz, Mistel, Rose, Nelken, Zimt, Myrrhe oder Weihrauch.



Praxis


Mittwinter sowie die darauf folgenden Rauhnächte sind die Zeit der absoluten Dunkelheit. Die Zeit, in der wir im Außen nichts sehen, aber dafür im Innen umso mehr. Es ist die Zeit der dünnen Schwellen, wenn die Anderswelt nah ist und die Bewegungen der Geister und Ahnen besser wahrnehmbar. Daher eigenet sich die Zeit natürlich für die Innenschau. Die Wintersonnwende symbolisiert die Wiedergeburt. Wir können uns jetzt noch einmal ganz und gar in die Dunkelheit fallen lassen, in die Tiefe und Weisheit unseres Inneren.


Was will jetzt für den neuen Zyklus aus mir geboren werden? Was will durch mich ans Licht kommen?


Um das Licht zu ehern, können wir außerdem ein Feuer oder eine Kerze anzünden. Natürlich ist das Räuchern immer wunderbar - um das Licht willkommen zu heißen, das Haus zu reinigen und zu segnen, und die Ahnen und Spirits zu ehren.








Weiterführende Literatur:


Rätsch, Christian & Müller-Ebeling, Claudia (2021). Heidnische Weihnachten. Bräuche, Riten, Rituale. 4. Auflage. AT Verlag, Aarau und München.

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