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  • Laura Deichl

Von Beifuß, Gans & Freya

Aktualisiert: 19. Dez. 2023

Was heute nur noch Brauch ohne tieferen Hintergrund ist - die Beifuß-Gans zu Weihnachten - war früher ein ritueller Akt, der den Menschen in die irdischen und kosmischen Zyklen einband. Über Beifuß, die Gans und die Große Göttin.




Nun sind wir wieder angelangt, in der stillen Zeit. Mittwinter, Jul, Yule, Wintersonnwende, Weihnachten, die geweihten, heiligen Nächte. So viele Bräuche und Rituale aus verschiedensten Kulturen und Zeiten sind verwoben mit dem Fest zur Wiedergeburt des Lichts. Kraftvolle Pflanzenwesen, Tierspirits, Götter, Geistwesen und Ahnen begegnen uns und sind seit Urzeiten verwoben mit dieser Zeit. Ein Brauch der weit verbreitet ist, ist die geopferte Gans, gewürzt mit Beifuß - beide eng verbunden mit der Göttin, sei es Freya, Holle oder andere. Ein kleiner Beitrag über das, was dahinter liegt.



Beifuß, das Älteste der Wurze


Der Beifuß (Artemisia vulgaris) ist wohl das älteste und vielleicht mächtigste aller Heilkräuter. Er ist in quasi fast allen Kulturen der Welt zu finden und seit jeher verwendet. Sei es der Chinesische Beifuß für die Moxatherapie in der Traditionell Chinesischen Medizin (TCM), der Steppenbeifuß in Nordamerika, verschiedene Arten in Sibirien oder Tibet, oder eben unser heimischer Beifuß in Mitteleuropa.


Der Beifuß war immer eine alte Sakral- und Schamanenpflanze, die in verschiedensten Kulturen für rituelle und sakrale Zwecke verwendet worden ist. Der Beifuß ist das Kraut des Schwellenübertritts. Er öffnet einen heiligen Raum und führt den Schamanen an die Grenzen unserer hiesigen, menschlichen Welt und darüber hinaus in die Anderswelt. So haben schon Bodenanalysen an alten Kultorten, wie den Pyrenäenhöhlen von Lascaux, ergeben, dass wohl schon vor etwa 17.000 Jahren (!) dort Beifuß verstreut und verräuchert wurde. Diese Höhlen wurden unter anderem als der Urmutterbauch, als die Gebärmutter der Großen Göttin gehandelt, aus dem alle Leben hervorging und in denen auch oft Schwellenrituale wie Initiationsriten ins Erwachsenenalter zelebriert wurden.


Aus dem Angelsächsischen Kräutersegen können wir folgenden Worte über ihn entnehmen (in der Übersetzung nach Storl, 2023):


Erinnere du dich, Mugwurz [Beifuß],

was du verkündest,

was du anordnest in feierlicher Kundgebung.

Du, das älteste der Wurze,

Una ist dein Name.

Du hast Macht gegen drei und gegen dreißig,

du hast Macht gegen Gift und Ansteckung,

du hast Macht gegen das Übel,

das über das Land dahinfährt.


Der Beifuß war dabei immer den weiblichen Gottheiten geweiht. So ist Una, als göttlicher Name des Beifuß, die magische Umkehrung von Anu, der Ahnin, der Göttin Ana oder Dana der Kelten, der Holle. Bei den Griechen war es die wilden Göttin des Mondes und des Waldes Artemis , entsprechend Diana bei den Römern. Oder eben bei den Germanen der Göttin Holla (Frau Holle), beziehungsweise Freya. Als altes Frauenkraut zählte der Beifuß zu den sogenannten Bettstrohkräutern der Gebärenden und Wöchnerinnen. So war es die Geburtsgöttin Holla, die die verstorbenen Seelen zu sich nahm, aber die auch die sich neu inkarnierenden Seelen wieder in die Welt entließ. Bei der Geburt, die ja auch eine Schwelle zwischen dem Jenseits und dem Diesseits ist, hielten Frauen ein Büschel Beifuß in der Hand, um unter der Führung der Großen Göttin zu sein. Und ebenso bei Ritualen zum Tod spielt der Beifuß in vielen Kulturen seit jeher eine große Rolle, wie beispielsweise als Grabbeigabe. Auch nach heutigen Erkenntnissen soll der Beifuß als Frauenheilpflanze öffnend, reinigend und menstruationsfördernd wirken, und wird sowohl bei Menstruationsbeschwerden als auch in den Wechseljahren angewendet.


Der Beifuß als Pflanze der Göttin gehört damit auch zu den alten Pflanzen der Wintersonnwende. Wenn sich zu Samhain die Göttin in die Unterwelt zurückzieht und der Flug der Gänse nach Süden den Winter ankündigt, war die Zeit des Kräutersammelns zu Ende. Nur der Beifuß durfte noch geernet werden und mit ihm wurden Haus und Hof geräuchert und die geopferte Gans gewürzt.



Die Gans als Seelenvogel


Die Gans gehört, wie der Kranich, der Storch oder der Schwan, zu den Seelenvögeln. In verschiedenen Mythologien, beispielsweise in der finnischen, gibt es die Vorstellung, dass die Seele eines Menschen bei der Geburt von einem Vogel gebracht wird, und nach dessen Tod wieder von einem Vogel geholt wird (man kennt hier bei uns wahrscheinlich vor allem den Storch). In Ägypten ist das Ba der Teil der menschlichen Seele, der nach dem Tod in Vogelgestalt zu den Sternen fliegt. So ist auch die Gans Mittlerin zwischen den Welten. Indem sie als Zugvogel mit dem Winterbeginn der Sonne folgt, verkörpert sie in der menschlichen Beobachtung den ewigen Zyklus aus Werden und Vergehen, von Leben und Tod. So war die Gans bei den Germanen heilig und als Vogel ebenso der Frau Holle (ähnlich Freya) zugeordnet. In der römischen Mythologie ist sie der Juno geweiht, bei den Griechen Hera und Aphrodite. Auch das Haus der Hexe Baba Yaga inder slawischen Mythologie, gleichermaßen Große Göttin, steht auf Gänsefüßen. In Ägypten ist es die Gans, aus deren goldenen Ei sich die Sonne und somit die Schöpfung in die Welt gebiert. Auch hier wird die Rolle der großen Mutter deutlich, aus der alles Leben hervorgeht. Die Gans ist Sinnbild für Liebe, Hingabe und Fürsorge. So kennt man auch die Gänsemutter, Mother Goose, wie auch einer der Namen des Beifuß das 'Gänsekraut' ist.



Archaischer, ritueller Akt


Zur Wintersonnwende wurde die Gans schließlich geopfert. Was für uns heue eine eher negative Konnotation hat, war früher eine zutiefst sakrale Handlung, die aus einer Zeit stammt, in der der Mensch noch als Jäger lebte und sich bedankte, dass das Tier sein Leben für den Menschen gab. Mit Ritualen wie dem Opfern band sich der Mensch rituell in das Gefüge und die immerwährenden Zyklen von Erde und Kosmos ein, um seinen eigenen Platz darin zu erkennen und einzunehmen, und die höheren Kräfte für den kommenden Zyklus wohlgesonnen zu stimmen. Im Falle der Gans sozusagen vielleicht ein Opfertier für die Sonnenkraft.


Bis heute wird diese Gans mit Beifuß gewürzt wird. Was oft auf Geschmack oder die verdauungsfördernde Wirkung des Beifuß zurückgeführt wird, hat vielleicht als Themenkomplex Beifuß-Gans-Göttin um einiges mehr Tiefe als wir vermuten. Der Beifuß als Schwellenpflanze bei Tod und Wiedergeburt, die Gans als Schwellenvogel zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, beide der Großen Göttin geweiht. Sie kommen zur Wintersonnwende in einem Opferritual zusammen - dem Zeitpunkt der Wiedergeburt des Licht, der Sonnenkraft, der Neubefruchtung im dunklen Schoßraum der Erde, im endlosen Zyklus des sich immerwährend erneuernden Lebens zwischen den Welten - den sowohl die Gans als auch der Beifuß verkörpern. Ein archaischer, ritueller Akt, mit dem sich der Mensch in die irdischen und kosmischen Zyklen einband.












Weiterführende Literatur:


Rätsch, Christian & Müller-Ebeling, Claudia (2021). Heidnische Weihnachten. Bräuche, Riten, Rituale. 4. Auflage. AT Verlag, Aarau und München.


Storl, Wolf-Dieter (2023). Naturrituale. Mit schamanischen Ritualen zu den eigenen Wurzeln finden. 13. Auflage. AT Verlag, Aarau und München.






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HINWEIS: Den Beifuß nicht in der Schwangerschaft einsetzen. Vorsicht bei Allergien gegen Korbblütler. Diese Informationen ersetzen nicht die Beratung eines Arztes, Apothekers oder Heilpraktikers. Alle erwähnten Heilpflanzen haben wissenschaftlich belegte Wirkungen oder haben ihre Tradition in der überlieferten Heilkunde und werden schon lange erfolgreich eingesetzt.





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